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Flawil
10.02.2022
10.02.2022 11:31 Uhr

Lebendiges Stickerquartier: Das Projekt startet

Das typische Stickerhaus ist zwei- bis viergeschossig, mit Kreuzgiebel und einem hellen, hohen Sticklokal im Parterre. Dieses wird heute vielfältig für Gewerbe, Lager oder Wohnungen genutzt. Bild: Gemeinde Flawil
Der Gemeinderat Flawil hat verschiedene Massnahmen beschlossen, um dem Stickerquartier Rückenwind zu geben. Ab März 2022 soll eine Gruppe interessierter Flawilerinnen und Flawiler zusammen mit Fachpersonen die Frage bearbeiten, wie Stickerhäuser fachgerecht saniert werden können. Im April kommt eine zweite Gruppe dazu, welche im Dorf die Auseinandersetzung mit diesem Quartier und der historischen Bausubstanz fördern soll. Damit will der Gemeinderat die Gründung einer Wohn- und Baugenossenschaft «Lebendiges Stickerquartier» anstossen. In diesem Interview beleuchtet Gemeindepräsident Elmar Metzger die Hintergründe.

Das Stickerquartier befindet sich zwischen der Wilerstrasse und der Oberdorfstrasse sowie zwischen der Rösslistrasse und der Enzenbühlstasse. Viele bestehende Bauten sind Stickerhäuser (1870 bis 1915) und geben dem Quartier eine einheitliche, prägnante Struktur. Für dieses Quartier gibt es einen Richtplan, welcher den Umgang mit der historischen Bausubstanz formuliert. Die Autoren des Richtplans schreiben: «Diese Einheitlichkeit gibt dem Quartier einen ganz besonderen, identitätsstiftenden Charakter für ganz Flawil.»

Im Richtplan werden die Herausforderungen des Quartiers genannt: «Das Quartier sieht sich je länger je mehr mit gravierenden Problemen konfrontiert. Ein Teil der Bausubstanz ist – zumindest aus energetischer Sicht – sanierungsbedürftig. Die kleinmassstäblichen Parzellenformen schränken die bauliche Nutzung stark ein, denn Neubauten sind in dieser (kleinmassstäblichen) Form heute wirtschaftlich kaum mehr tragbar. Der zusätzliche Wohnraumbedarf wird mit Anbauten befriedigt und es entsteht zusehends ein Sammelsurium an unterschiedlichen Ausführungen. Die Umgebung der Stickerhäuser ist ursprünglich nicht auf den motorisierten Verkehr ausgelegt worden, sodass sie vermehrt als Parkierungsfläche verbraucht wird – mit entsprechend negativen Auswirkungen auf das Ortsbild.»

Das Stickerquartier ist in Flawil etwas Besonderes. Das merkt man etwa daran, dass die Gemeinde das Quartier mit einem Richtplan schützt. Wie ist man in Flawil eigentlich auf die Besonderheit des Stickerquartiers aufmerksam geworden? Wieso wurde es zu einem Thema?

Elmar Metzger: Als vor einigen Jahren die alte Tonhalle abgerissen wurde und an verschiedenen Orten im Stickerquartier Neubauten entstanden, reifte das Bewusstsein, dass dieses Quartier etwas Spezielles ist. Die Häuser darin zeigen das historische Flawil. Sie schaffen eine Identität für das Dorf. In der Zwischenzeit hat man erkannt, dass diese Häuser fachgerecht saniert oder quartierverträglich neu gebaut werden sollen.

Wie will man das bewerkstelligen?

Elmar Metzger: Man entschied sich, dies mit einem Richtplan zu tun. Die Bevölkerung wurde zur Mitwirkung eingeladen. Dabei gab es Bedenken, dass der Richtplan einem Sanierungsverbot gleichkomme und jede Entwicklung verunmögliche.

Nun ist der Plan ja einige Jahre in Kraft – wie hat er sich denn bewährt?

Elmar Metzger: Aus meiner Sicht ist der Spagat gelungen, bestehende Bauten in der Substanz zu erhalten und dennoch eine Entwicklung zu ermöglichen. Doch der Richtplan löst bei den Grundeigentümerinnen und Grundeigentümern immer noch Unsicherheiten aus, wie sie ihre Liegenschaft an die heutigen Bedürfnisse anpassen können. Manche haben leider den Mut verloren, in ihre Liegenschaft zu investieren.

Wie äussert sich dies konkret?

Elmar Metzger: Interessierte wissen oft nicht, ob sie zum Beispiel eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach anbringen können. Ob sie einen Autoabstellplatz schaffen können. Oder welche Art von Fenstern möglich sind.

Was hat der Gemeinderat jetzt vor?

Elmar Metzger: Unsere Bemühungen gehen in zwei Richtungen. Einerseits wollen wir diesen Dorfteil in ganz Flawil bekannter machen. Wir wollen der Bevölkerung zeigen, dass dieses Quartier die Blütezeit der Stickerei in manchen Teilen noch spiegelt. Andererseits wollen wir zusammen mit den Grundeigentümerinnen und Grundeigentümern Instrumente entwickeln und Anleitungen geben, was man im Quartier wie verändern kann, ohne dass dessen Charakter verloren geht.

Es ist also nicht die Idee der Gemeinde, aus dem Stickerquartier ein zweites Museumsdorf wie Ballenberg zu machen…

Elmar Metzger: Überhaupt nicht! Im Ballenberg wohnt niemand. Im Stickerquartier wollen Menschen leben und arbeiten. Wir möchten die Rahmenbedingungen schaffen, dass man sich im Quartier wohl fühlt und dass gute Begegnungen möglich sind.

Stimmt es, dass der Gemeinderat zum Stickerquartier ein Legislaturziel beschlossen hat?

Elmar Metzger: Ja, das ist richtig. Der Gemeinderat hat eine Vision für alle Quartiere. Er will, dass diese generell sozial und generationenübergreifend durchmischt sind. Mit dieser Vision im Hinterkopf fokussiert sich der Gemeinderat in dieser Legislaturperiode auf das Stickerquartier. Er hat als Ziel formuliert, dass eine Wohn- und Baugenossenschaft «Lebendiges Stickerquartier» gegründet werden soll. Diese Genossenschaft soll sich später um Erhalt und Entwicklung des Quartiers sorgen.

Die Gründung der Wohn- und Baugenossenschaft «Lebendiges Stickerquartier» ist also das mittelfristige Ziel. Doch was sind die kurzfristigen Ziele?

Elmar Metzger: Zunächst geht es uns ums Thema «Sanieren», denn einige Häuser im Stickerquartier haben Sanierungsbedarf. Da wollen wir konkrete Handreichungen bieten, wie dies gelingen kann. Zu jedem wichtigen Thema soll es ein Blatt geben, das beschreibt, worauf bei einer Energiesanierung zu achten ist, oder wie ich eine Solaranlage installieren kann oder was ich mache, wenn ich zu wenig Parkplätze vor dem Haus habe. Wir rufen die Leute aus dem Stickerquartier und andere interessierte Flawilerinnen und Flawiler auf, in einer moderierten Gruppe zusammen mit Fachpersonen aus Architektur, Bauhistorik, Handwerk usw. zu definieren, wie eine solche Sanierung aussehen soll. Dazu veranstalten wir am 3. März einen Infoabend im 5egg.

Wenn so eine Gruppe ins Arbeiten kommt, kann ja auch geschehen, dass man auf Punkte stösst, die im Richtplan noch nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Oder dass Fragen zur Bewilligungspraxis auftauchen. Was dann?

Elmar Metzger: Aus meiner Sicht ist der Richtplan nicht in Stein gemeisselt. Er hat ja das Ziel, das Stickerquartier zu erhalten und eine Entwicklung zu ermöglichen. Wenn wir im Dialog herausfinden, dass einzelne Bestimmungen nicht zweckmässig sind oder das Gegenteil von dem bewirken, was sie beabsichtigen, dann wird der Gemeinderat auch bereit sein, Korrekturen am Richtplan vorzunehmen.

Zunächst startet das Projekt «Stickerhäuser sanieren» und dann?

Elmar Metzger: Etwas später wird zum Mitmachen einer zweiten Gruppe eingeladen. Diese soll sich überlegen, wie sie das Stickerquartier im Dorf bekannter machen kann. Unter anderem könnten Anlässe und Aktivitäten im Quartier gefördert werden. Schliesslich wollen wir die Bewohnerinnen und Bewohner im Quartier miteinander ins Gespräch bringen.

Eindrückliche Aufnahme des Stickerquartiers um 1935 von Westen. Bild: Gemeinde Flawil
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