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Stadt Gossau
15.03.2022

Demenz: Fachärztin räumt mit Vorurteilen auf

Bild: zVg
Grosses Interesse an Themenjahr und Vortrag «Was ist Demenz?» am Montagabend, 14. März 2022, im Andreas-Saal in Gossau. Der Abend startete das Themenjahr «Sensibler Umgang mit demenzkranken Menschen», welches die Seelsorgeeinheit Gossau initiiert und gemeinsam mit der Stadt Gossau, den Altenheimen und der evang.-ref. Kirche durchgeführt hatte.

«Wer von Ihnen kennt jemanden, der an Demenz erkrankt ist?», fragte Dr. med Kristina Göhl-Freyn zu Beginn Ihres Referats. Von den etwa 50 anwesenden Personen erhoben drei Viertel ihre Hand. «Das ist nicht verwunderlich. Jeder Zehnte entwickelt im Laufe seines Lebens eine Demenz. Je älter wir werden, desto mehr wird uns dies als Gesellschaft betreffen», postulierte die Fachärztin für Neurologie bei ihrem Vortrag zum Thema «Was ist Demenz?» am Montagabend im Andreas-Saal in Gossau. 

«In der späten Krankheitsphase ist die Versorgung in Gossau mit Altenheimen und Diensten sehr gut. Wir wollen zur Sensibilisierung in der frühen Krankheitsphase beitragen», erläuterte Martin Rusch, Seelsorger in Gossau, den Grund für das Themenjahr Diakonie.

In ihrem Vortrag räumte Göhl-Freyn, Oberärztin für Neurologie am Kantonsspital St.Gallen, mit gängigen Vorurteilen zur Demenz auf:

Vorurteil 1: Dement sein heisst, das Gedächtnis zu verlieren

Betrifft eine Demenzerkrankung nur das Gedächtnis? «Nein!», lautete die Antwort der Fachärztin. «Unter Demenz versteht man einen fortschreitenden Verlust der geistigen Fähigkeiten, der seit mindestens sechs Monaten anhält und alltagsrelevant ist», definiert Göhl-Freyn die Krankheit. Dies könne sich auf das Gedächtnis, aber auch auf andere Fähigkeiten auswirken: Bei der sogenannten vaskulären Demenz werden beispielsweise die Bewegungen der erkrankten Person langsamer. Bei der frontotemporalen Demenz, welche den vorderen Hirnlappen betrifft, verändert sich zu Beginn nicht das Gedächtnis, sondern die Persönlichkeit: «Diese Personen fangen an, zu fluchen oder fremde Leute anzufassen», erklärte die Fachärztin. Dies könne sehr unangenehm sein für Angehörige.

Vorurteil 2: Demenz betrifft nur alte Menschen

Von der häufigsten Form der Demenz, der Alzheimer-Demenz, seien zwar vorwiegend ältere Menschen betroffen, doch an Demenz können auch Personen unter 65 Jahren und sogar 50-Jährige erkranken, so die Fachärztin: «Bei jungen Personen führt dies oft zu dramatischen Situationen, wenn Angehörige noch berufstätig sind und nicht pflegen können, oder wenn Kinder sich um ihre dementen Eltern kümmern müssen».

Vorurteil 3: Demenz ist vererbbar

Dieses Vorurteil stimmt nur teilweise. «Wer einen Angehörigen hat, der an Alzheimer-Demenz erkrankt ist, hat eine gering höhere Wahrscheinlichkeit, selbst an Alzheimer zu erkranken», erklärte die Ärztin – und beruhigte sogleich: «Die Wahrscheinlichkeit, nicht zu erkranken, ist immer noch höher». Alzheimer-Demenz entstehe, wenn Nervenzellen zugrunde gehen. «Bei manchen Demenzformen wissen wir die Ursache dafür, bei anderen ist dies noch nicht genug erforscht», so die Oberärztin.

Die gute Nachricht: Ein gesunder Lebensstil könne gewissen Demenz-Formen vorbeugen. Denn Rauchen, Bluthochdruck oder ein hoher Cholesterinwert erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Durchblutungsstörungen und Verkalkungen im Gehirn und damit für die vaskuläre Demenz.

Vorurteil 4: Demenz ist unheilbar

Demenzerkrankungen sind aktuell nicht heilbar und führen zum Tod. «Unheilbar bedeutet jedoch nicht machtlos. Stecken Sie bei einer Diagnose deshalb nicht den Kopf in den Sand», riet die Expertin. In manchen Fällen könne man ein Fortschreiten der Krankheit verzögern und immer gehe es darum, den Weg der Erkrankung so gut wie möglich zu begleiten.

Es gibt jedoch auch, «heilbare Demenzen», sogenannte «Pseudo-Demenzen». Dabei handelt es sich um Erkrankungen, die Gedächtnisschwierigkeiten, Verlangsamung und Antriebslosigkeit bewirken. Die Ursachen dafür können eine Depression, Störungen des Elektrolythaushalts, eine Schilddrüsenunterfunktion oder ein Vitaminmangel sein – und sind damit behandelbar. «Auch Alkoholmissbrauch kann zu demenzähnlichen Symptomen führen. Lässt man den Alkohol weg, kann sich das Gehirn oft wieder selbst aufbauen und die Symptome verschwinden», so Göhl-Freyn. Sie riet daher dazu, bei demenzähnlichen Symptomen unbedingt zum Arzt zu gehen, um die Ursachen abzuklären.

«Das Herz wird nicht dement»

Im Anschluss an das Referat eröffnete Maya Hauri Thoma, Leiterin der Projektstelle Hochaltrigkeit und Demenz der evangelisch-reformierten Kantonalkirche St.Gallen, die Ausstellung «Demenz-Simulator». In 13 Stationen können die Symptome einer Demenzerkrankung an Alltagsbeispielen nachempfunden werden. «Sie werden erleben, was es bedeutet, an einfachen Aufgaben zu scheitern und seinen Sinnen nicht mehr trauen zu können», warnte die Expertin. Dazu gehöre, sich unbehaglich zu fühlen, frustriert zu sein und sich zu genieren, weil etwas, was man doch immer konnte, nicht mehr gelingen wolle.

Sie erinnerte die Anwesenden daran, die Demenzerkrankung nicht nur vom Ende her zu denken: «Auf dem Weg dahin gibt es noch so viel Lebenswertes!» Bei der erkrankten Person handle es sich immer um einen erwachsenen Menschen, der ein gelebtes Leben hinter sich habe und spüre, wie man ihm begegnet. «Vergessen Sie nicht: Das Herz wird nicht dement», schloss sie den Abend ab.

Demenzvortrag: Maya Hauri Thoma eröffnet die Ausstellung. Bild: zVg
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Ines Schaberger