Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Kultur
29.11.2020
29.11.2020 14:02 Uhr

Dr. Gut: «Krieg ist ein Verbrechen »

Dr. Gut: «Ben Ferencz hat wie vermutlich kein zweiter Zeitgenosse des blutigen 20. Jahrhunderts dazu beigetragen, dass sich solche Menschheitsverbrechen wie der Holocaust nicht mehr wiederholen.»
Bis zum 2. Weltkrieg kamen politische Grossverbrecher ungeschoren davon. Das änderte sich mit den Nürnberger Prozessen. Auch dank Ben Ferencz, ihrem letzten noch lebenden Chefankläger.
  • Kolumne von Dr. Philipp Gut

Kriege sind eine Geissel der Menschheit. Sie gehören seit Urzeiten zu unserer Geschichte. Über Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinweg wurden sie glorifiziert, Soldaten und Generäle werden bis heute als Helden gefeiert. Historisch gesehen, gehört der Krieg zum Homo Sapiens wie der Revierkampf zum Wolf. Aber sind Kriege wirklich unvermeidlich?

Kriege sind nicht unvermeidlich

«Nein», sagt ein kleiner grosser Mann, der im März dieses Jahres 100 Jahre alt geworden ist: Benjamin («Ben») Ferencz ist der letzte noch lebende Chefankläger der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, die vor 75 Jahren begonnen haben. Er ist nur 1,50 lang, aber er hat sich eine herkulische Aufgabe gegeben, an der er bis heute jeden Tag unbeirrt arbeitet: Kriege zu verhindern.

Eine Chronik des Massenmords

Ben Ferencz entdeckte nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin die «Ereignismeldungen UdSSR», eine Chronik des Massenmords. Darin hielten die Täter – die SS-Einsatzgruppen unter Heinrich Himmler – minutiös fest, wie viele wehrlose Männer, Frauen und Kinder sie täglich ermordet hatten. Das Ausmass der Verbrechen war unvorstellbar: Chefankläger Ferencz ging von über eine Million Opfer aus.

Meilenstein der Rechtsgeschichte

Dem damals erst 27-jährigen brillanten Juristen Ferencz ging es nicht darum, eine Handvoll Täter abzuurteilen, obwohl sie zu den schlimmsten Verbrechern der Menschheitsgeschichte gehörten. Er wollte das Fundament legen für eine friedlichere Welt. Nürnberg war in diesem Sinn ein Meilenstein der Rechtsgeschichte, weil erstmals politische Grossverbrecher zur Rechenschaft gezogen wurden. Angriffskrieg und Verbrechen gegen die Menschlichkeit standen nicht länger ausserhalb der Rechtsordnung. Jeder Ladendieb wird bestraft. Das musste doch erst recht für Massenmörder im Staatsauftrag gelten!  

Von Nürnberg bis Den Haag

Ben Ferencz ist kein abgehobener Friedensapostel, sondern Realist. Er setzt auf Recht und Gesetz, um den Krieg, diese Pest der Menschheit, einzudämmen. Es gibt ein legitimes Recht auf Selbstverteidigung, aber Aggressivkriege müssen unter Strafe gestellt werden. Jahrzehntelang kämpfte Ferencz für einen ständiges internationales Strafgericht, wie es dann in Den Haag entstand – ein halbes Jahrhundert nach Nürnberg.

Charme, Humor, Menschlichkeit

Ich habe eine Biografie über diese beeindruckende Persönlichkeit geschrieben («Jahrhundertzeuge Ben Ferencz: Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit», Piper Verlag) und Ferencz mehrmals in seinem bescheidenen Haus in Florida besucht. Dabei faszinierte er mich durch seine Energie, seinen Charme und Humor.

«Gib niemals auf!»

Ben Ferencz hat in die tiefsten menschlichen Abgründe geblickt, als er in den deutschen Konzentrationslagern unmittelbar nach der Befreiung Täter jagte, Opfer interviewte und Beweise aufnahm. Trotz all des Grauens, dessen Zeuge er wurde, hat er nie aufgegeben und sich ein zuversichtliches Wesen bewahrt. «Never give up» («Gib niemals auf»), lautet denn auch sein Ratschlag an die junge Generation von heute.

Damit sich der Holocaust nicht wiederholt

«Wenn ich das nächste Mal Anklage wegen Mordes an einer Million Menschen erheben, dann rufe ich Sie an», scherzte er, als ich vor ein paar Wochen mit ihm telefonierte.

Dabei hat Ben Ferencz wie vermutlich kein zweiter Zeitgenosse des blutigen 20. Jahrhunderts dazu beigetragen, dass sich solche Menschheitsverbrechen wie der Holocaust nicht mehr wiederholen. Kleiner Mann, ganz gross.

Dr. Philipp Gut schreibt auf dem Online-Verbund von Portal24 jede Woche eine Kolumne, die auf den 10 dem Verbund angeschlossenen Portalen jeden Sonntagmorgen publiziert wird. Philipp Gut ist Historiker, Bestsellerautor («Jahrhundertzeuge Ben Ferencz») und einer der profiliertesten Journalisten der Schweiz. Mit seiner Kommunikationsagentur Gut Communications GmbH berät er Unternehmen, Organisationen und Persönlichkeiten.

www.gut-communications.ch

Dr. Philipp Gut, Kolumnist Gossau24