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Kanton SG
08.04.2021

Spatenstich zum neuen Kispi erfolgt

Von links: Guido Bucher, Direktor Stiftung OKS und Vorsitzender der Spitalleitung, Urs Martin, Regierungsrat Kanton Thurgau, Yves Noël Balmer, Regierungsrat Appenzell Ausserrhoden, Monika Rüegg Bless, Statthalter Appenzell Innerrhoden, Daniel Germann, Direktor und Vorsitzender der Geschäftsleitung KSSG, Bruno Damann, Regierungspräsident Kanton St.Gallen, Arno Noger, Stiftungsratspräsident OKS, Fawad Kazi, Architekt Bild: OKS
Das Generationenbauprojekt «come together» des Ostschweizer Kinderspitals und des Kantonsspitals St.Gallen hat mit dem Spatenstich für den Neubau des OKS am 7. April ein weiteres Etappenziel erreicht.

Mit der Realisierung des Neubaus erhält die Kinder- und Jugendmedizin eine zeitgemässe Infrastruktur. Der Neubau wird es dem OKS ermöglichen, auch in Zukunft für die Leistungserfüllung auf der höchsten medizinischen Versorgungsstufe gerüstet zu sein. Die Bauarbeiten für das neue Ostschweizer Kinderspital dauern bis Ende 2025. Kosten für Bau und Ausstattung: rund 186 Millionen Franken.

Bereits seit September 2020 finden Vorbereitungsarbeiten innerhalb der blauen Bauwände auf dem Areal des KSSG statt. Die Freude beim Ostschweizer Kinderspital ist gross, mit den Bauarbeiten auf dem gemeinsamen Campus zu starten und im Rahmen des Generationenbauprojekts «come together» eine weitere, wesentliche Bauetappe auszulösen.

Aufgrund der aktuellen Corona-Situation musste der Spatenstich als Kleinstanlass durchgeführt werden. Im Beisein von Vertretungen der Stiftungsträger (Trägerdelegation) aus den Kantonen St.Gallen, Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden und Thurgau sowie dem Fürstentum Liechtenstein und wenigen Gästen aus Bauorganisation sowie vom Nachbar KSSG wurde der Spatenstich begangen. Dieser symbolische Akt wurde, die Besonderheiten dieses Spitals berücksichtigend, durch Kinderhand mit Schaufel und Bagger ausgeführt.

Regierungspräsident Bruno Damann, Vorsteher des Gesundheitsdepartements St.Gallen und Präsident der Trägerdelegation, Arno Noger, Stiftungsratspräsident OKS, Fawad Kazi, Architekt und Mitglied der Planergemeinschaft Neubau OKS, sowie Guido Bucher, Direktor und Vorsitzender der Spitalleitung des OKS, hielten Kurzansprachen. Mit Rückblicken, Ausblicken und besonderen Gedanken würdigten die Redner diesen Meilenstein im Gesamtprojekt «come together». Es ist das erklärte Ziel, den Bau auf ganz spezielle Art, eben im besonderen Mass kindgerecht, zu realisieren. Dies beinhaltet begrünte Innenräume, so genannte Gartenzimmer, die Anwendung von naturnahen Materialien und die Schaffung einer hellen sowie freundlichen Atmosphäre.

Prof. Dr. med. Roger Lauener ist Chefarzt Kinder- und Jugendmedizin am Kispi Bild: LEADER - das Unternehmermagazin

Das Ostschweizer Kinderspital ist eines von drei eigenständigen Kinderspitälern der Schweiz. Für die Kantone St.Gallen, beide Appenzell, Thurgau und das Fürstentum Liechtenstein übernimmt es die Aufgabe eines regionalen Kompetenzzentrums auf höchster medizinischer Versorgungsstufe für Kinderheilkunde, Kinder- und Jugendchirurgie sowie in der Jugendmedizin. Damit das «Kispi» seine vielfältigen Aufgaben optimal wahrnehmen kann, entsteht auf dem Areal des Kantonsspitals bis 2025 ein Neubau. Die drei Chefärzte Roger Lauener, (Pädiatrie), Thomas Krebs (Chirurgie) und Josef Laimbacher (Jugendmedizin) erklären, was «Kinder- und Jugendmedizin 2.0» für sie bedeutet.

Dieser Text von Tanja Millius stammt aus der LEADER-Sonderausgabe «Gesundheit» von Oktober 2020. Josef Laimbacher wurde Ende 2020 pensioniert, sein Nachfolger ist Pascal Müller.

«Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – das kann man nicht genug betonen», hält Roger Lauener, Chefarzt Pädiatrie fest. Es sei ein Bild, das lange in den Köpfen war, Kinder funktionierten aber in allen Bereichen ganz anders. «Ein Kind entwickelt sich ständig weiter, körperlich und geistig.» Jede Krankheit im Kindesalter bedeute einen Unterbruch in einer vulnerablen Phase, deshalb sei die zentrale Aufgabe, Krankheiten so zu behandeln, dass eine gesunde Entwicklung möglich sei. Im Gegensatz zu früher werde ein Kind etwa bei Asthma nicht einfach «geschont», es solle sich normal verhalten können und mit seinen Gspänli weiterhin spielen können. «Es geht heute stark darum, das Kind medizinisch so zu begleiten, dass es von seiner Krankheit möglichst wenig eingeschränkt ist – und insbesondere auch darum, immer die ganze Familie mitzunehmen», sagt Lauener. Dies sei das A und O für den Behandlungserfolg.

Spitzenmedizin – aber kinder- und familienfreundlich

Beim Stichwort Kinderspital denken viele Leute an Plüschtiere und Spielecken. «Kinder- und familienfreundlich, das ist wichtig», sagt Roger Lauener, seit acht Jahren Chefarzt am Kinderspital. «Aber wir wollen unseren Patientinnen und Patienten, vom extrem Frühgeborenen bis zum Jugendlichen, auch jederzeit die nach dem neuestem Stand des Wissens beste Abklärung und Behandlung bieten.» Dazu braucht es eine optimale Infrastruktur auf dem neuesten Stand der Technik – aber kinder- und familienfreundlich. «Halt mit Plüschtier und Spielecke, aber auch mit Bereichen, in denen sich Jugendliche wohlfühlen».

Neben der Infrastruktur braucht es Menschen: Spitzenfachkräfte, die an den besten Zentren im In- und Ausland ausgebildet wurden. Diese Spezialisten müssen stets am Puls der medizinischen Forschung bleiben, sich ständig weiterbilden und selbst Nachwuchsleute ausbilden. Und: Sie müssen stets für ihre Patienten bereit sein. Ein Beispiel: Am OKS stehen rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, erfahrene Spezialisten der Intensivmedizin und Neonatologie und spezialisierte Intensivpflegende bereit, um einem Frühgeborenen, das in einem Spital der Ostschweiz zur Welt gekommen ist, mit der Rega oder der Ambulanz zu Hilfe zu eilen und es ins OKS zu transportieren. Hier wiederum stehen Spezialisten aller Fachrichtungen bereit, um dem Kind die Versorgung zu bieten, die jede Mutter, jeder Vater, alle Grosseltern sich für ihre Kinder, ihre Enkel wünschen: Spitzenmedizin, aber kinder- und familienfreundlich. «Diese personellen und infrastrukturellen Vorhalteleistungen auf hohem Niveau stets bereit zu halten, stellt für das Spital eine grosse Herausforderung dar, auch finanziell – nur dank der Unterstützung von Gesellschaft und Politik können wir diese Versorgung aufrecht erhalten», betont Lauener. Finanziell lohnend ist Kindermedizin nicht.

Im geplanten Neubau des Kinderspitals auf dem Areal des Kantonsspitals eröffneten sich viele neue Möglichkeiten – auch mit dem neuen Mutter-Kind-Zentrum: Die Mütter können gerade bei Frühgeburten viel näher beim Kind sein, was in dieser Phase entscheidend sei, damit sich das Kind optimal entwickeln kann.

Kindermedizin ist aufwendig

Da die Behandlung von Kindern viel komplexer ist als jene der Erwachsenen, sei es eine sehr aufwendige Medizin, aber eine ungemein wichtige, so Roger Lauener: «Nirgends ist das Geld so gut investiert wie in Kinder, denn sie sind unsere Zukunft.» Es sei deshalb auch ein gesellschaftlicher Auftrag, den das Kinderspital erfülle.

Das bestätigt auch Josef Laimbacher, Chefarzt Jugendmedizin. In den 30 Jahren, in denen er das Kispi massgeblich mitgeprägt hat, wurde daraus ein hochspezialisiertes Zentrum von überregionaler Bedeutung. In der Adoleszentenmedizin (von zwölf Jahren bis Abschluss der beruflichen Ausbildung mit 20 bis 25 Jahren) hat auch die Bedeutung der Psychosomatik zugenommen. Für diese medizinischen Fachgebiete habe das Kispi eine einzigartige Stellung in der Schweiz. Im Lockdown im Frühjahr habe sich dies einmal mehr gezeigt: «Wir hatten dank der engen Betreuung nicht viel mehr Krisenfälle. Hingegen war der Schweregrad der neuen Fälle deutlich ausgeprägter, etwa bei der Magersucht», so Laimbacher. «Bei Jugendlichen, die schon vorher unter Angst oder Zwängen litten, verschärften sich diese.»

Auch hier zeige sich das wichtige Zusammenspiel zwischen dem Kispi und der Familie. Da habe er sehr viel Positives erlebt, so seien viele Familien trotz Mehrbelastung zusammengewachsen. Beim Kinderschutzzentrum, das auch unter Laimbachers Leitung steht, habe es keine vermehrten Fälle während des Lockdowns gegeben. «Man kann dem Familiensystem also einiges zutrauen.»

Transitionsmedizin als grosses Thema

Für Josef Laimbacher ist der Übergang von der Adoleszenten- zur Erwachsenenmedizin ein zentrales Thema. «Seit den 90er-Jahren kennen wir im Kispi keine generellen Altersgrenzen bei Patienten mit chronischen Erkrankungen. Ich begleitete beispielsweise einen Diabetespatienten vom Kindes- bis ins junge Erwachsenenalter.» Es gehe künftig darum, diesen Übergang zusammen mit dem Kantonsspital optimal zu gestalten – immer mit dem Patienten im Zentrum, dass er, wenn möglich, selber definieren kann, wann es für ihn sinnvoll ist, in die Erwachsenenmedizin zu wechseln. «Diese sogenannte Transitionsmedizin ist das neue wichtige Thema. Das gilt insbesondere für die Adoleszentenpsychiatrie.» Das Thema ist derzeit auch im St.Galler Gesundheitsdepartement auf dem Tapet.

Josef Laimbacher geht Ende Jahr in den Ruhestand. Sein Wunsch ist, «dass wir als Mediziner unseren Einfluss auf die Versorgung für Kinder und ihre Familien weiterhin hochhalten und für eine eigenständige Kinder- und Jugendmedizin einstehen».

Kispi wichtig als überregionales Zentrum

Diese Sicht teilt Thomas Krebs, seit sieben Jahren Chefarzt Kinder- und Jugendchirurgie am Kispi: «Das Kispi ist viel mehr auf Kinder und Familien ausgerichtet, als dies in anderen Spitälern der Fall ist. Wir können hier wirklich kinderspezifisch behandeln», betont Krebs. «Wir haben im Gegensatz zur Erwachsenenmedizin schon lange eine vernetzte Medizin, die nicht vor Kantons- oder Landesgrenzen halt macht.»

Das ist für ihn denn auch ein entscheidender Vorteil des Kispi und der Ostschweiz, um sich gegen Grossregionen wie Zürich behaupten zu können. «Gerade in der Kinderchirurgie, die auch seltene und komplexe Krankheitsbilder behandelt, braucht es überregionale Konzepte», hält Krebs fest. Im Gegensatz zu früher sei es heute unmöglich, dass ein einziger Kinderchirurg alle Eingriffe vornehme – hierfür spezialisieren sich die kinderchirurgischen Fachärzte weiter, und hier werden in Ausnahmefällen dann externe Fachkräfte aus anderen chirurgischen Disziplinen beigezogen. Umgekehrt werden Spezialisten des Kispi auch für komplexe Behandlungen innerhalb der Schweiz und im grenznahen Ausland beigezogen. «Wir haben diesen Netzwerkgedanken schon lange umgesetzt.»

Verbindliche Kooperationen

Bei der Kinder- und Jugendchirurgie zeigt sich bei den Unfällen eine Verschiebung zu neuen Trendsportarten wie Wakeboard oder Downhill; die Traumatologie hat generell an Bedeutung gewonnen. Dank des medizinischen Fortschritts ist heute auch in der Neugeborenenmedizin sehr vieles möglich. «Kinder mit angeborenen Krankheiten überleben heute vermehrt die Neugeborenenperiode. Deswegen haben wir es gehäuft mit komplexen schweren chronischen Erkrankungen zu tun», erklärt Thomas Krebs. Hier habe das Kispi in die neusten technischen Möglichkeiten für minimalinvasive OP-Techniken (Schlüssellochchirurgie) investiert. Ausserdem wurden verschiedene Leistungsaufträge im Bereich der spezialisierten und hochspezialisierten Medizin (HSM) erneuert bzw. wiedergewonnen.

«Dadurch konnte das Leistungsspektrum erheblich erweitert werden», sagt Krebs. So wurde auch die Kooperation zwischen dem Fachbereich Kinder- und Jugendchirurgie am Kispi und dem Landeskrankenhaus Feldkirch und der Oberschwabenklinik Ravensburg vertraglich ausgestaltet. «Dies ermöglicht es uns, am Kispi komplex erkrankte Kinder in der notwendigen Fallzahl zu behandeln und somit die Versorgungsqualität zu sichern und auszubauen.»

Der Neubau des Kispi kostet rund 170 Millionen Franken – diese Finanzierung ist gesichert. Die kindergerechte Ausstattung kostet weitere 35 Millionen Franken und muss zum Grossteil von der Stiftung Ostschweizer Kinderspital gestemmt werden. «Wir haben zum Glück eine sehr gute Stiftungskultur beim Kinderspital: Die Stiftung, die das Kinderspital trägt, ist eine Perle», so Krebs. Es sei sehr wichtig, dass mit den Kantonen St.Gallen, Thurgau, den beiden Appenzell sowie dem Fürstentum Liechtenstein gewichtige Träger in der Stiftung seien. Und: «Das Kispi geniesst bei der Bevölkerung gemäss Umfragen und Abstimmungsergebnissen eine sehr hohe Akzeptanz und Relevanz», hält Thomas Krebs fest. «Dies sollte Möglichkeiten bieten, zusätzliche Mittel als Fundraising oder von weiteren externen Geldgebern zu generieren, um den sehr anspruchsvollen Finanzplan einzuhalten.» Im Zentrum steht dabei eine kinder-, jugend- und familiengerechte Ausstattung des Neubaus.

Dr. med. Thomas Franz Krebs ist Chefarzt Kinder- und Jugendchirurgie am Kispi. Bild: LEADER - das Unternehmermagazin
stgallen24/stz.