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Kanton SG
14.05.2021
14.05.2021 19:36 Uhr

Keine Erdbeeren mehr aus dem Rheintal?

Gemüsebauer Florian Gasser zeigt an Ort und Stelle Fakten und Beispiele, weshalb die Agrarinitiativen abzulehnen sind Bild: Ulrike Huber
Die Landwirtschaft wehrt sich. Gegen Trinkwasseriniative und Pestizidverbotsinitiative. Die Gemüsebauvereinigung Rheintal und die Vereinigung St.Galler Beerenpflanzer luden zu einem Faktencheck.

Der Böschenhof von Erika und Walter Gasser in Au. Ein typischer Rheintaler Gemüseproduzent. Auf den Feldern, umrahmt von Autobahn, der Red-Bull-Abfüllanlage und dem Abwasserwerk Rosenbergsau wird angebaut, was in unseren Breitengraden gut gedeiht und schmackhaft ist. Salat, Randen, Zuckermais und Erdbeeren sowie Hafer wachsen derzeit auf den Äckern. Und geben Beispiel für die Faktenlage zu den beiden Agrarinitiativen, die die Gemüsebauvereinigung Rheintal und die Vereinigung St.Gallischer Beerenpflanzer gemeinsam präsentieren.

  • Bild: Ulrike Huber
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  • Florian Gasser demonstriert den «Hacker», mit dem das Unkraut maschinell bekämpft wírd Bild: Ulrike Huber
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Nur mehr mit betriebseigenem Futter füttern

Die Trinkwasserinitiative verlangt, dass Betriebe ihre Tiere nur mehr mit betriebseigenem Futter füttern dürfen. Mit grossen Auswirkungen auf die Gemüsebaubetriebe, wie Jessica Zimmermann vom Vorstand der Gemüsebauvereinigung erläutert: «Die Fruchtfolge, also der Wechsel verschiedener Kulturen im Jahresverlauf und in verschiedenen Anbaujahren ist eine wichtige Massnahme, um den Krankheits-, Schädlings- und Unkrautdruck zu reduzieren. Und Elemente einer guten Fruchtfolge sind Getreide oder Grasnutzung.»

Hinter Florian Gasser befindet sich ein Streifen mit Zuckermaiseinsaat, bei dem keinerlei Massnahmen zur Unkrautbekämpfung getroffen wurden Bild: Ulrike Huber

Nur – der Gemüsebauer kann diese Produkte nicht nutzen, sondern verkauft das Futter derzeit an die Viehhalter. Auch krumme Gurken, schiefe Rüben und alle Früchte, die nicht der Konsumentennorm entsprechen, werden in der Tierhaltung sinnvoll verwertet. Wie im übrigen auch die Nebenprodukte wie etwa 250´000 to (!) Zuckerrübenschnitzel und Melasse aus der Zuckerherstellung. Alles vorbei, wenn die Trinkwasserinitiative angenommen wird. Alles Abfall, bestenfalls noch für die Nutzung als Gärsubstrat in Biogasanlagen geeignet.

Florian Gasser vor 80´000 erntereifen Salatköpfen Bild: Ulrike Huber

Reinigungs- und Desinfektionsmittel würden auch verboten

Jessica Zimmermann macht auch auf zwei Details der Pestizidverbotsinitiative aufmerksam. «Zu den Pestiziden und Bioziden gehören auch Reinigungs- und Desinfektionsmittel. Diese sollen auch in der Lebensmittelverarbeitung verboten werden.» Da stellt sich auch dem Laien die Frage, wie soll das denn gehen? Werden wir uns an Listerienbakterien oder Salmonellen in unserem Essen gewöhnen müssen, anstatt daran zu erkranken?

Zimmermann weiter: «Zudem soll die Einfuhr von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten, oder mit Hilfe solcher hergestellt wurden, verboten werden. Der Bund müsste also ein System schaffen, das mittels Analysen und Lieferantenüberprüfung die importierten Lebensmittel prüft. Man stelle sich den Aufwand und die Kosten vor!»

Der Vergleich macht Sie sicher: ein Salatkopf ohne Schneckenschutz... Bild: Ulrike Huber
... ein Salatkopf mit Schneckenschutz Bild: Ulrike Huber

Minimer Einsatz von Pestiziden

Florian Gasser (25) ist Juniorchef auf dem Böschenhof, gelernter Gemüsegärtnermeister und wird den Betrieb im kommenden Januar übernehmen. An Ort und Stelle zeigt Gasser Beispiele, wie derzeit auf einem modernen Gemüsehof mit einem minimen Einsatz von Pestiziden und Bioziden gearbeitet wird. So wird Unkraut an den Dammflanken der erhobenen Randenbeete mechanisch entfernt. Aber auf der Krone der Beete breitet sich das Unkraut aus. Da bleibt nichts über als die Bekämpfung mit Herbiziden. Würde dieses Unkraut auf dem Feld mit etwa 8´000 m2 händisch gejätet und entfernt werden müssen, so würde dies einen Mehraufwand von 40 bis 50 Stunden bedeuten.

Florian Gasser demonstriert, dass ein Schneckenbefall bei der Ernte nicht sichtbar ist, weil sich die Schnecken im Inneren des Salatkopfes befnden Bild: Ulrike Huber

Auf einer Parzelle stehen 80´000 Stück prachtvoll aussehende und erntereife Salatköpfe. «Diese wurden Ende März gepflanzt, das Feld mit einem Vlies bedeckt, um die Setzlinge vor Frost zu schützen und das Wachstum zu fördern. Gute drei Wochen später haben wir das Vlies entfernt, um das keimende Unkraut mit dem Hackgerät mechanisch zu bekämpfen. Dabei mussten wir feststellen, dass sich aufgrund der hohen Feuchtigkeit in diesem Frühjahr unter dem Vlies bereits Pilzkrankheiten ausgebreitet hatte. Um die Ernte zu sichern und keinen Totalausfall zu haben, entschieden wir uns für ein Fungizid.»

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  • Rico Kuster: «Die regionale Vielfalt wird reduziert werden» Bild: Ulrike Huber
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Schnecken sind das grosse Ärgernis

Das grosse Ärgernis bei den Salatköpfen sind aber die Schnecken, denen die grünen Blätter genauso gut munden, wie uns Menschen. Was uns Menschen aber gar nicht gefallen würde, sind Schnecken in unserem Blattsalat. «Wenn der Grosshändler auch nur eine Schnecke in einem unserer Salatköpfe entdeckt, geht die ganze Fuhre zurück.» Da die Schnecken aus den begrünten Feldrändern und Wiesen einwandern, müssen unabdingbar Schneckenkörner eingesetzt werden. Und wieviel? «Lediglich sechs bis acht Körner pro m2. Und nicht auf dem Salatacker, sondern nur auf den Feldrändern.»

Armin Risch informierte, dass in der Ausbildung Wert auf eine ressourcenschonende und nachhaltige Bewirtschaftung gelegt wird Bild: Ulrike Huber

Rico Kuster, Präsident der Vereinigung der St.Galler Beerenpflanzer und Betriebsleiter eines Gemüsebaubetriebs in Diepoldsau, berichtet, dass in der Schweiz auf rund 1000 ha Beeren angepflanzt werden. Die Hälfte davon Erdbeeren. Im Kanton St. Gallen sind es 67 ha Beeren und davon 35 ha Erdbeeren.

Regionale Vielfalt wird reduziert

«Die Flächen der Spezialkulturen für Beeren werden bei einem JA zu den Agrarinitiativen stark sinken. Die regionale Vielfalt wird dadurch stark reduziert werden und teils verloren gehen. Die Produkte werden für den Konsumenten teurer», sorgt sich Rico Kuster, «Ökologisch wird dies zum Bumerang, da mehr importiert wird und man keinen Einfluss auf den Anbau hat.»

Jessica Zimmermann: «Wir setzen uns für ein doppeltes NEIN ein: NEIN zur Trinkwasserinitiative und NEIN zur Pestizidverbotsinitiative» Bild: Ulrike Huber

In ein Erdbeerfeld mit einem Hektar Fläche werden 2´300 Arbeitsstunden und 50´000 Franken an Setzlingen und Material investiert, bevor auch nur eine einzige Erdbeere geerntet werden kann. «Sie können alle hochrechnen, hier auf dem Böschenhof sehen wir rund 2,3 ha Erdbeeren. Nach einer solchen Vorarbeit kann kein zusätzliches Risiko eingegangen werden. Wenn diese Beeren von einem Insekt oder einer Krankheit befallen werden, sind schnell einmal 50 % der Ernte verloren. Deshalb schützen wir unsere Kulturen mit einem auf ein Minimum reduzierten Herbizideinsatz und mit Regendächern. Ein Jahr für die Katz arbeiten, ist das eine. Finanziell kann ein solcher Schaden aber auch eine Familienexistenz bedrohen.»

Die Vortragenden bei der Veranstaltung der Gemüsebauvereinigung Rheintal: v.l. Rico Kuster, Florian Gasser, Armin Risch und Jessica Zimmermann Bild: Ulrike Huber

Lieber geschmacklose Erdbeeren aus Spanien?

Trotz aller Bemühungen und Fortschritte, trotz Forschung und Entwicklung sei man einfach im Beerenanbau noch nicht in der Lage, komplett auf Pflanzenschutz zu verzichten. Ein JA zu den Initiativen würde vor allem den Erdbeeranbau in der Schweiz beinahe unmöglich machen. Lieber die geschmacklosen und fungizidgeschwängerten Erdbeeren aus Spanien?

Armin Risch referiert als Lehrlingsausbilder noch kurz über Forschung und Entwicklung als Grundstein für die Weiterentwicklung. Denn qualifizierte Gemüsegärtner sind die beste Gewähr für einen möglichst ökologischen Gemüseanbau. Schön, dass unter den 32 diesjährigen deutschsprachigen Absolventen, die dieses Jahr die Abschlussprüfungen bestreiten werden, gleich vier Rheintaler Nachwuchskräfte sind.

Abschliessend ergreift nochmals Jessica Zimmermann das Wort: «Es wird heute bereits vieles getan, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Aber ein vollständiger Verzicht auf Pflanzenschutzmittel ist zurzeit einfach nicht möglich. Wir wollen und müssen unsere Pflanzen weiterhin schützen – aber mit Fachwissen und Bedacht.»

rheintal24.ch / gmh / uh