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Lifestyle
03.06.2021

Der Gastronom des Gossauer Freistaates

Bild: gossau24.ch
Victor Ledergerber, Geschäftsführer der Freihof Brauerei und Hofstube AG im Gossauer Niederdorf, kommt ins Pensionsalter: An Pension denkt er noch lange nicht.

von Rita Bolt

Vom Banker zum leidenschaftlichen Gastronomen: Seit 2012 führt Victor Ledergerber die Freihof Brauerei und Hofstube AG im Gossauer Niederdorf. „In der Gastronomie kann ich meine Leidenschaft ausleben und mich mit kreativen Leuten umgeben“, sagt der 64-Jährige. Mit dem Münchner Braumeister Andreas Friemer hat er einen kreativen Kopf an seiner Seite und ist vom bekennenden Weintrinker auch zum bekennenden Biertrinker geworden. Die „Freihof“-Brauerei bringt ein neues Bier auf den Markt: Das Feld-Wald-Wiesenbier „Roots & Fruits“. Es ist ein naturtrübes Fünf-Korn-Bier aus Gerste, Weizen, Dinkel, Hafer und Roggen. „Naturspaziergang aus der Flasche“, steht auf der Etikette. Ledergerber nimmt einen Schluck und lächelt. Es scheint zu schmecken, ebenso wie das neue alkoholfreie, naturtrübe „FKK“-Bier, das für „Freigeist“, „Körperbewusst“ und „Kulturgenuss“ steht.

Keine Entwicklungsmöglichkeiten im Niederdorf

Freigeist passt zu Victor Ledergerber, wenn es um das Niederdorf geht. „Als Bub war ich jeweils bei meinem Götti im Niederdorf unweit des ‚Freihofs‘ in den Ferien“, erzählt er. Ledergerber hat vor Jahren den „Freistaat Niederdorf“ ausgerufen, weil das Niederdorf seiner Meinung nach von der Stadt Gossau links liegengelassen wird. „Es gibt kein Bauland, keinen öffentlichen Verkehr, keine Entwicklungsmöglichkeiten.“ Der Wirt spricht klare Worte: Das Niederdorf soll kein Freilichtmuseum wie der Ballenberg sein, sondern ein aktives Gebiet Gossaus. Zudem wolle die bürgerliche Stadtregierung nun noch, dass alle Parkplätze in Gossau bewirtschaftet werden. Das wären 115 Parklätze beim „Freihof“. Er werde sich mit allen rechtlichen Möglichkeiten gegen diese Bewirtschaftungspflicht wehren. Unter dem Motto „Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber“ würde mit einer Parkgebühr einer der Hauptvorteile aufgeben. „Wir sind abseits des Zentrums und unsere Besucher sind auf gute Parkierungsmöglichkeiten angewiesen. Gratis-Parkplätze – nicht nur auf dem ‚Freihof‘-Gelände ­- sind ein Erfolgsfaktor.“ Er habe kein Verständnis für solche Begehren. Ebenso wenig wie dafür, dass für einen beantragten Zebrastreifen vom Parkplatz zum „Freihof“ eine Kommission eingesetzt, eine Begehung mit dem Kanton durchgeführt und dann entschieden werde, dass ein einfacher Fussgängerübergang nicht möglich sei.  „Seit vielen Jahren fordern die IG Niederdorf und wir die Anbindung unseres Quartiers an den Öffentlichen Verkehr“, sagt Ledergerber weiter. Doch die Gossauer Politik tue sich schwer mit diesem Anliegen. Dieser Einsatz wäre gemäss Ledergerber gewinnbringender als die Verkehrsverhinderungspolitik.

Tunnel ab Chressbrunnen bis Eichen

Auf den „Freistaat Niederdorf“ ist Ledergerber stolz. Er hat auch Ideen, wie das Niederdorf wieder etwas mehr ins Rampenlicht gerückt werden könnte und an Attraktivität gewinnen würde. „Wir könnten die leerstehenden Garagen neben unserem Parkplatz in einen schönen Hofladen mit saisonalen und regionalen Produkten umgestalten“, sagt er. Der „Freihof“ würde dieses Projekt unterstützen. Landwirte und andere Interessierte sollen sich doch beim ihm melden. Und dann hat er noch eine Vision: „Vom Chressbrunnen bis zum Eichenkreisel könnte ein Tunnel gebaut werden“, erklärt er in vollem Ernst. „Kein Problem. Erde auf, Tunnel rein. Erde zu. Kein Landerwerb.“ So könnte der ganze Verkehr aus Flawil abgefangen und direkt auf die Autobahn geleitet werden. 

Der Gastronom mit den vielen Ideen ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und naturverbunden. Bekanntheit erlange er, weil er 2009 als Banker eine Auszeit nahm und den Sommer auf der höchstgelegenen Alp Europas in Saas Balen verbrachte und Käse produzierte. So gerne er im „Freihof“ wirtet und ein gutes Bier trinkt: An den schönen Wochenenden ist er in „seiner“ Bergbeiz Blattendürren in Urnäsch anzutreffen. Sie gehört zur Freihof AG. Und wie es sich für einen leidenschaftlichen Gastronomen gehört, zieht er die Schürze an und bedient mitunter die Gäste. Früher sei er hier Stammgast gewesen – jetzt ist er der Wirt. „Kürzer treten oder gar in Pension gehen. Nein kein Thema“, antwortet er auf eine entsprechende Frage. Im Gegenteil: Er habe einen Gasthof im Kopf, den er allenfalls übernehmen und in die Freihof AG integrieren wolle.

Rita Bolt