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Kultur
04.10.2021
05.10.2021 20:22 Uhr

Genussvolles Flawiler Kammerorchester Konzert

Das Ensemble nimmt den Applaus des Publikums entgegen. Bild: Vroni Krucker
In der Kirche Oberglatt bot das Flawiler Kammerorchester (FKO) unter der Leitung von Eveleen Olsen ein wunderschönes Konzert mit viel romantischer Musik. Die grosse Besucherzahl zeigte, wie sehr diese Aufführung nach dem langen Lockdown ersehnt worden ist.

Vroni Krucker

Der frühe Sonntagabend in der Kirche Oberglatt liess erahnen, wie sehr dieses Konzert und Anlässe allgemein vermisst worden sind. Man war glücklich, wieder einmal ein Live-Konzert geniessen zu dürfen - und ein Genuss war die Aufführung absolut. Sie passte bestens zum Motto des Ensembles «von Musizierlust und Spielfreude getragen». Das Ensemble überzeugte einmal mehr durch die ausgewogene und ausgeglichene Spielweise, faszinierend vorgetragen als wäre es das Leichteste der Welt. Ruhig und sicher führt Eveleen Olsen die Musikerinnen und Musiker mit ihren Streichinstrumenten. Das Orchester präsentierte ein durchwegs englisches Programm mit drei Werken aus der Spätromanik, die im traditionellen Stil geschrieben sind.

«Music for Friends»

Der Titel hätte auch heissen können «Musik für’s Herz», denn das war es, stimmungsvoll, lebhaft, sphärisch und sehr gehörfällig, gespickt mit Leckerbissen. Die «Serenade» schrieb Matthew Curtis (1959*) in Anlehnung an die vielen romantischen Streichorchesterserenaden von Dvorak, Elgar und Tschaikowsky. Herrlich tänzerisch zeigte sich die «Tarantella» im 6/8-Takt. Man konnte sich bildlich vorstellen, wie jemand herumhüpft, wenn er von einer Tarantel gestochen worden ist.

Wunderschön präsentierten die Streicherinnen und Streicher die «Romanze op. 11 von Gerald Finzi (1901-1951). Er war Chorkomponist und hat im Alter von 8 Jahren seinen Vater verloren. Dieser Schicksalsschlag prägte die Komposition. Sie klang tragisch und tröstlich zugleich, war innig und sehr stimmungsvoll. Der italienische Imigrant Finzi gründete in den Wirren des Zweiten Weltkrieges ein eigenes Streichorchester. Es war für ihn von grosser Wichtigkeit, dass befreundete Musiker zum Zusammenspiel anreisten und ihre Kultur pflegten – und diese Musik ging unter die Haut.

Die Cellistinnen und Cellisten, vorne die Stimmführerin Erika Häusermann, Mutter der Opernsängerin Patrizia Häusermann, die kürzlich einen Preis entgegennehmen durfte. Erika und Markus Häusermann begleiten oft den Johanneschor Niederhelfenschwil an Aufführungen . Bild: Vroni Krucker

Simple Symphony

Der Dritte im Bunde war Benjamin Britten (1913-1975), ein Ausnahmetalent, das bereit in der Kindheit komponierte. Die Symphony ist sein wohlpopulärstes und eingänglichstes Werk mit einem fantastischen Pizzicato-Satz, anspruchsvoll für die Akteure, aber sehr spannend für die Zuhörenden, die sich mit tosendem Applaus für die herrliche Musikstunde bedankte.

Eveleen Olsen

Die engagierte Dirigentin pflegt bei ihrer Arbeit ein stummes Zwiegespräch mit den Musizierenden und freut sich über jedes Klang-Echo aus deren Reihen. Die gute Stimmung im Ensemble ist spürbar. Die Dirigentin wirkt im Kammerorchester Sankt Gallen als Konzertmeisterin. Zudem ist sie freiberuflich engagiert in Ensembles, die auf historische Aufführungspraxis spezialisiert sind: im orchester le phénix, im Bach Collegium Zürich (als Bratschistin), in Chapelle Ancienne (als Konzertmeisterin) und hilft auch im Zürcher Barockorchester aus.  Sie studierte Orchesterleitung in der Dirigierklasse von Iwan Wassilevski und wurde nach dem Probedirigieren einstimmig zur Dirigentin des Flawiler Kammerorchester gewählt. Am Dirigieren fasziniert sie vor allem, die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten, die Stimmung an den Proben zu spüren, die sehr gute Zusammenarbeit sowie die Vielseitigkeit des Orchesters und damit die Chance, auch Aussergewöhnliches zu wagen. Die Stücke für die Aufführung wählt sie differenziert nach verschiedenen Kriterien: was für ein Anlass, was für Musik passt, welche Stimmung ist gesucht und welche Besetzung steht zur Verfügung, damit die Stücke aufeinander abgestimmt werden, sodass der Schwierigkeitsgrad mit den verfügbaren Proben funktioniert - und dann vor allem, wo das Herz hinschlägt.

Für sie ist die Formation «Kammerorchester» das Beste, weil man dort mit wenigen Leuten Grosses bewirken und auch Neues wagen kann. Das entspricht ihrem Wesen und ihren Anforderungen. Ihr gefallen aber auch andere Musikstile. «Alte Musik zum Beispiel liegt nahe bei der Volksmusik», betont sie. Nach dem 1. Kind kam ihr der Lockdown ein bisschen entgegen, bot sich doch die Gelegenheit, viel Liegengebliebenes aufzuarbeiten, auch ein wenig aufzutanken.  Sie unterrichtet Violine und Viola an Zürcher Gymnasien. Zurzeit erwartet sie ihr 2. Kind, möchte aber trotzdem so lange wie möglich am Ball bleiben und weitermachen. So darf man sich auch in Zukunft auf faszinierende und abwechslungsreiche Konzerte auf hohem Niveau freuen.

Vorne der Konzertmeister Daniel Treyer, daneben Markus Häusermann, Gatte der Cellistin Erka Häusermann. Bild: Vroni Krucker
Vroni Krucker