Jeder Jahresbeginn hat nach wie vor etwas Besonderes, auch wenn wie immer nur eine Nacht zwischen dem einen und dem anderen Tag liegt. Nach wie vor sind mit dem neuen Jahre, Erwartungen, Vorsätze und Pläne verbunden. Viele nehmen sich vor, konsequenter zu sein, fitter, gelassene oder erfolgreicher. Und zugleich ist bei nicht wenigen ein leises Gefühl von Müdigkeit zu spüren.
In der Liturgie des Neujahrestages begegnet uns ein überraschend aktueller Text. Ein Segensspruch, der seit Jahrtausenden gesprochen wird. Er beginnt nicht mit Forderungen, sondern mit Zuspruch. Er will nichts aus uns herausholen, sondern uns etwas zu sagen: Schutz, Gnade und Frieden.
«Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.»
Num 6,24-26
Der aronitische Segen ist in seinem Kern erstaunlich weltlich. Er spricht nicht von Leistung, nicht von Moral, nicht von Optimierung. Er spricht davon, behütet zu sein. Davon, dass uns jemand wohlwollend anschaut. Und davon, dass Frieden möglich ist. Gerade für Menschen, die wissen, dass sie nicht perfekt sind.
„Gnädig sein“ ist eines dieser Worte, die im Alltag kaum noch vorkommen. Vielleicht, weil sie missverstanden werden. Gnade heisst nicht: alles egal. Gnade heisst: den Menschen nicht auf seine Fehler reduzieren. Und manchmal beginnt Gnade ganz nah – bei uns selbst. Wer gnädig mit sich umgeht, muss nicht ständig Bilanz ziehen. Muss nicht jede Schwäche als Scheitern verbuchen. Darf unvollendet bleiben. In einer Zeit, in der vieles nach Effizienz, Klarheit und Eindeutigkeit verlangt, wirkt diese Haltung beinahe revolutionär. Wir leben in einer Gesellschaft, die schnell urteilt, schnell reagiert und schnell einordnet. Gnade unterbricht diese Dynamik. Sie lässt einen Moment offen. Sie erlaubt, dass Menschen mehr sind als ihre letzte Entscheidung oder ihr lautester Fehler.
Der Segen spricht auch vom Frieden. Nicht im grossen politischen Sinn allein, sondern ganz konkret. Frieden beginnt dort, wo wir etwas leiser werden. Wo wir nicht ständig kämpfen müssen – um Anerkennung, um Recht und um das letzte Wort. Frieden wächst in Beziehungen, wenn wir einander nicht dauernd bewerten, sondern zuhören. Wenn wir nicht sofort antworten, sondern einen Augenblick stehen lassen.
Ist das nicht das, was wir uns wünschen? Etwas weniger Härte. Etwas mehr Nachsicht. Etwas weniger Perfektionsdruck. Und eine Prise mehr Menschlichkeit. Der alte Segen legt keine Messlatte an. Er legt einen Namen auf den Menschen, wie es im biblischen Bild heisst. Er sagt: Du bist gemeint. So wie du bist. Mit allem, was dich ausmacht.
Man muss nicht religiös sein, um zu spüren, wie wohltuend es ist, wenn einem jemand Gnade zuspricht. Oder Frieden wünscht. Oder einfach sagt: Du musst nicht perfekt sein, um wertvoll zu sein.
Vielleicht brauchen wir zum Jahresbeginn weniger Vorsätze dafür mehr Zuspruch. Weniger Programme und dafür mehr Vertrauen. Einen Segen für die Unperfekten. Für Menschen, die unterwegs sind. Und für ein Jahr, das noch nicht weiss, was es bringen wird – aber offen ist für mehr Gnade und hoffentlich für ein wenig mehr Frieden.
P. Andy Givel