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Leserbrief
Kultur
01.02.2021
03.02.2021 08:04 Uhr

Heineken: vom Umgang mit der Wahrheit

Herbert Bosshart nimmt in einem Leserbrief Stellung zur Wahl von Heineken als Getränkepartner durch das OK des Schweizer Gesangsfestivals 2022 in Gossau.

Organisationskomitee des Schweizer Gesangsfestivals von Ende Mai 2022 in Gossau (SGF’22) wählt Heineken als Getränkepartner – nicht die lokalen Brauereien Stadtbühl und Freihof, nicht Schützengarten und auch nicht Locher Appenzell . „Geht gar nicht“, schreien sofort zig Gossauer Kehlen. „Wir haben mit Stadtbühler, Freihof und HuM in Gossau genügend Brauereien, da muss man an einem Grossevent nicht holländisches Bier ausschenken.“ Und genau hier beginnt der fahrlässig ungenaue Umgang mit der Wahrheit und den Fakten. Zum einen hat mit HuM eine der drei Gossauer Brauereien die Bierproduktion zwischenzeitlich aufgegeben. Zum anderen hat das OK des SGF’22 nicht irgendeine ausländische Brauerei als Getränkepartner gewählt, sondern die Heineken Switzerland AG, dem nach Carlsberg Schweiz (Feldschlösschen, Cardinal) zweitgrösste Bierkonzern der Schweiz. Und eine simple Nachfrage bei Dr. Google zeigt: Zur Schweizer Tochter von Heineken gehören unter anderem die traditionsreichen Ostschweizer Brauereien Calanda, Haldengut und auch die Klosterbrauerei Ittingen. Wer also am SGF’22 in einer der Festbeizen ein Bier bestellt, erhält mit grösster Wahrscheinlichkeit ein Ostschweizer Bier. Ich gehe sogar davon aus, dass Heineken das Gossauer Fest vorwiegend mit Haldengut-Bier beliefern wird - die Winterthurer Brauerei ist schliesslich in der Ostschweiz immer noch präsent und hat in Gossau über Jahrzehnte eine eigenes Bierdepot geführt. Weiter wird beim konzertierten Gezetter gegen Heineken auch nicht berücksichtigt, dass Victor Ledergerber von der Brauerei Freihof öffentlich erklärt hat, dass der Freihof ein solches Fest als Getränkelieferant gar nicht stemmen könne. Auch Adrian Krucker von der Stadtbühlbrauerei erklärte auf Anfrage, dass Stadtbühl zusammen mit der Brauerei Locher zwar ein Angebot eingereicht habe, aber mit Heineken nicht habe mithalten können und wollen. „Nicht mithalten“ bedeutet, dass man wohl mit Hilfe der Appenzeller Brauerei Locher die Belieferung mit Bier und anderen Getränken organisatorisch wohl hätte stemmen können, aber vom zu entrichtenden Sponsoringbeitrag überfordert war. Dabei geht es nicht etwa um 10'000 Franken, sondern um einen sechsstelligen Betrag. Als Anhaltspunkt: Bei einem geschätzten Festumsatz von 2,5 Millionen Franken macht der Sponsoringbeitrag für einen der Hauptpartner schnell einmal zehn Prozent des Budgets aus. Übrigens: Auch die Brauerei Schützengarten konnte und wollte mit dem Heineken-Angebot nicht mithalten.
Und schliesslich zeigt das Beispiel des Kantonalschwingfestes von 2014 und des Nordostschweizer Jodlerfestes 2016, dass Gossauer Organisatoren von Grossfesten schon immer einen kreativen Weg gefunden haben, um den lokalen Brauereien eine Möglichkeit zu bieten, trotz der St.Galler Brauerei Schützengarten als offiziellem Getränkepartner auf die Qualität ihrer Gossauer Produkte hinzuweisen und ihre Biere auszuschenken. Beide Fest-Oks haben auch gezeigt, dass man solche Veranstaltungen mit gutem Gewinn abschliessen kann, was die Stadtkasse als Defizitgarant entlastet. Also: Statt unreflektiert über den vermeintlichen Ausländer “Heineken“ zu lästern, bestellen wir Gossauerinnen und Gossauer doch beim nächsten Beizenbesuch konsequent ein Gossauer Bier. Das hilft unseren Brauereien mehr, als das Gejammer. Prost!

Herbert Bosshart, Ringstrasse 20, Gossau